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Heiko Postma | Galerie der Detektive | Nestor Burma

Léo Malet
Geboren 1909 in Montpellier. Arbeitete dort als Bankangestellter. Ging frühzeitig nach Paris. Lyriker und Chansonnier dort im Kreis der Surrealisten. Zwischen 1936 und 1961 sieben Lyrikbände. Seit Beginn der 40er Jahre Krimis – unter diversen Pseudonymen (überwiegend als Frank Harding) und auch im eigenen Namen. Nestor Burma trat 1943 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit, die „neuen Geheimnisse von Paris“ untersuchte er dann seit 1954. Léo Malet starb 1996 in Paris.

Nestor-Burma-
Bibliographie

1. Romane
120, Rue de la Gare, 1943 (120, Rue de la Gare. Elster)
Nestor Burma contre C.Q.F.D., 1945 (Nestor Burma in der Klemme. Elster)
L'Homme au Sang bleu, 1945 (Blüten, Koks und blaues Blut. Elster)
Nestor Burma et le Monstre, 1946 (Tödliche Pralinen. Elster)
Le Cinquième Procédé, 1947 (Das 5. Verfahren. Elster)
Coliques de Plomb, 1948
Les Paletots Sans Manches, 1949 (Ein Toter hat kein Konto. Elster)
Le Soleil naît derrière le Louvre, 1954 [1er arr.] (Bilder bluten nicht. Elster)
Des kilomètres de linceuls, 1955 [2e arr.] (Stoff für viele Leichen. Elster)
L'Ours et la Culotte, 1955 [3e arr.] (Marais-Fieber. Elster)
Le sapin pousse dans les caves, 1955 [6e arr.] (Die Nächte von Saint Germain. Elster)
Les rats de Montsouris, 1955 [14e arr.] (Die Ratten im M„useberg. Elster)
M'as-tu vu en cadavre?, 1955 [10e arr.] (Wie steht mir der Tod? Elster)
Corrida aux Champs-Elysées, 1956 [8e arr.] (Corrida auf den Champs-Elysées. Elster)
Pas de bavards à la Muette, 1956 [16e arr.] (Das stille Gold der alten Dame. Elster)
Brouillard au Pont de Tolbiac, 1956 [13e arr.] (Die Brücke im Nebel. Elster)
Les eaux troubles de Javel, 1957 [15e arr.] (Ein Clochard mit schlechten Karten. Elster)
Boulevard ... Ossements, 1957 [9e arr.] (Stress um Strapse. Elster)
Casse-pipe à la Nation, 1957 [12e arr.] (Kein Ticket für den Tod. Elster)
Mic-mac moche au Boul'Mich', 1957 [5e arr.] (Bambule am Boul 'Mich'. Elster)
Du Rébecca rue des Rosiers, 1958 [4e arr.] (Spur ins Ghetto. Elster)
L'envahissant cadavre de la plaine Monceau, 1959 [17e arr.] (Wer einmal auf dem Friedhof liegt. Elster)
Nestor Burma en Direct, 1967 (Bei Rotlicht Mord. Elster)
Nestor Burma revient au barcail, 1967 (Wenn Tote schwarze Füße tragen. Elster)
Drôle d'‚preuve pour Nestor Burma, 1968 (Im Schatten von Montmartre. Elster)
Un croque-mort nommé Nestor Burma, 1969 (Der parfümierte Todeshauch. Elster)
Nestor Burma dans l'ile, 1971 (Tote reden kurze Sätze. Elster)
Nestor Burma court la poupée, 1971 (Blutbad in Bologne. Elster)

2. Erzählband
Gros Plan du Macchabée, 1949 (Applaus für eine Leiche. Elster) 

 

NESTOR BURMA von LÉO MALET

Die Detektiv-Agentur in der Rue des Petits-Champs heißt sinnigerweise «Fiat Lux» ('Es werde Licht'). Ihr Inhaber liebt solch hintergründige Scherze, obwohl er es gemeinhin nicht mit Bibelsprüchen hält. Eher schon mit dem anarchistischen Motto 'Weder Herr noch Gott': Als der jugendliche Nestor Burma 1927 von Montpellier nach Paris kam, wurde er praktizierendes Mitglied einer Anarchistengruppe. So etwas prägt fürs Leben, auch wenn Monsieur Burma inzwischen Maßanzüge trägt, als Arbeitgeber einen dreiköpfigen Angestelltenstab befehligt und als Privat-«Flic» am Erhalt der bürgerlichen Ordnung mitwirkt. Doch sein 'anarchistischer Individualismus' schlägt halt immer wieder durch, vor allem, wenn Nestor auf eine heiße Spur gestoßen ist und den parallel ermittelnden Kommissar Faroux selbstsüchtig auf falsche Fährten lockt.
Erstaunlich darum, daß Nestor Burma bei dem schnauzbärtigen Kripo-Chef einen so großen Stein im Brett hat, zumal der leidgeprüfte Florimond Faroux stets die schlimmsten Verwicklungen zu fürchten hat, wenn der Privatkollege mit der exzentrischen Stierkopf-Pfeife scheinbar zufällig am Schauplatz eines vermeintlichen Routine-Verbrechens aufkreuzt. Doch der Kommissar profitiert eben nicht nur gern von den 'bistrokratischen' Kenntnissen Burmas, sondern auch von dessen detektivischem Gespür. Darum schanzt er ihm sogar schon einmal einen verdeckten Polizeiauftrag zu, wenn der Fall für eine offizielle Recherche zu heikel ist.
Die Staatsknete nimmt Nestor Burma auch ganz gerne mit, denn bei flauer Kriminalkonjunktur kommt es öfter vor, daß er seinen beiden Außendienst-Agenten, dem quirligen Roger Zavatter und Réboul-dem-Einarmigen, gleich mehrere Monatsgehälter schuldet. Seine weltkluge Sekretärin Hélène Chatelain pflegt er in solchen Ebbezeiten sogar anzupumpen. Aber Goldschatz Hélène hat für Vieles Verständnis. Nur wenn ihr Chef das dienstliche Beschatten attraktiver Damen allzusehr ausdehnt, reagiert Hélène spürbar unfroh. Doch ihre wache Eifersucht hat ihm bereits mehrfach das Leben gerettet.
Trotzdem: Die gefährlichsten Wege geht Nestor allein. Unterstützung braucht er allenfalls zur Vorbereitung seiner Schachzüge. Dann muß beispielsweise Marc Covet, der versoffene Klatschvetter und Reporter des «Crépuscule», mal wieder einen gezielten Basisartikel schreiben, um die verborgenen Drahtzieher eines Verbrechens aus dem Käfig zu locken. Die abschließenden Protokolle seiner Fälle verfaßt Nestor Burma allerdings selber: Betont lässig, schnoddrig, in cooler Kurzsatz-Methode, garniert mit effektstarken Klopfern - 'ihr Büstenhalter hatte alle Hände voll zu tun'.
Der Autor hinter diesem 'Autor' ist Léo Malet. Genau wie sein Held im Jahre 1909 in Montpellier geboren und als Halbwüchsiger nach Paris entwichen, begann er in den vierziger Jahren mit dem Krimi-Schreiben. Den größten Ruhm erlangte er dann ein Jahrzehnt später mit dem Zyklus 'Die neuen Geheimnisse von Paris': Jeder Fall spielt in einem anderen Arrondissement der Metropole. Im Schatten des Louvre klärt Nestor Burma einen mörderischen Kunstraub auf, im kleinbürgerlichen Marais den Mord an einem Pfandleiher (dessen Dienste er selber gerade in Anspruch nehmen wollte bzw. mußte ...). Und einmal wird der liebe 'Genosse Burma' auch brieflich ins 13. Arrondissement bestellt, wo er seiner eigenen anarchistischen Vergangenheit begegnet. Jenseits des Pont Tolbiac, in der Gegend der Salpérière und des Gare d'Austerlitz trifft er aber nicht nur seine ehemaligen Gefährten wieder, er lernt auch seine große Liebe kennen, die junge Zigeunerin Bélita. Den Fall, dessentwegen er gerufen wurde, klärt er auf. Doch Bélitas Ermordung kann er nicht verhindern. So wandert Nestor Burma weiterhin allein durch das meist verregnete Paris. Manchmal fühlt er sich ganz deprimiert, wenn er ans Altwerden denkt.
hp