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Heiko Postma | Galerie der Detektive | C. Edd & G. Digger

Chester Himes
Geboren 1909 in Jefferson City/Missouri. Er besuchte die Glenville High School in Cleveland/Ohio, studierte an der Staatsuniversität Ohio und schloß sein Studium 1928 ab. Im selben Jahr wurde er wegen bewaffneten Raubüberfalls verurteilt, saß acht Jahre im Gefängnis, schaffte aber den Ausstieg aus der Kriminalität. Journalist in Cleveland. 1945 erschien sein erster sozialkritischer (und buchstäblicher) 'Roman Noir' - If He Hollers, Let Him Go (Flieh, wenn du kannst, Bastei, 1991). Himes, auch Verfasser von Essays und Kurzgeschichten, ging 1953 aus Protest gegen die Praktiken der amerikanischen Rassendiskriminierung nach Europa und lebte in Frankreich, später dann in Alicante/Spanien. 1958 überredete ihn Marcel Duhamel, der Herausgeber der Krimi-Reihe »Série Noire«, zum Schreiben von Kriminalromanen. So entstand, beginnend mit den Geldmachern, Himes' Harlem-Zyklus, in dem die beiden schwarzen Detectives Coffin Ed und Grave Digger nur einmal nicht mitmachen - in Run Man Run (Lauf, Nigger, lauf), erschienen 1959. Im Jahr 1967, als er gerade nach Spanien übergesiedelt war, faßte Himes den Plan zu Plan B, der »verrücktesten und provozierendsten Geschichte meiner Harlem-Reihe«, die zugleich deren Abschluß bilden sollte: »Einer meiner beiden Polizisten wird umkommen«. Doch die Ausführung stagnierte, das Buch blieb Fragment. Himes benutzte es fortan als »Steinbruch« für Kurzgeschichten und beendete den Zyklus mit dem (themenverwandten) Roman Blind Man With a Pistol (Blind, mit einer Pistole). 1982, als Himes schon schwerkrank war, stellte der französische Literaturprofessor Michel Fabre aus dem Plan B-Typoskript, von dem die Anfangskapitel und eine Entwurfskizze des Schlusses vorlagen, eine Lesefassung her, die der 1983 erschienenen französischen Übersetzung zugrundegelegt und von Chester Himes noch authorisiert wurde. (Für die amerikanische Ausgabe überarbeitete Robert E. Skinner den Text ein weiteres Mal). Chester Himes starb 1984 in Spanien.

Coffin-Ed-&-Grave-Digger-Bibliographie
For Love of Imabelle, 1958 (Die Geldmacher von Harlem. Rowohlt)
The Crazy Kill, 1959 (Fenstersturz in Harlem. Ullstein)
The Real Cool Killers, 1959 (Heiße Nacht für kühle Killer. Rowohlt)
All Shot Up, 1960 (Harlem dreht durch. Rowohlt)
The Big Gold Dream, 1960 (Der Traum vom groáen Geld. Rowohlt)
The Heat's On, 1961 (Heroin für Harlem. Rowohlt)
Cotton Comes to Harlem, 1964 (Schwarzes Geld für weiße Gauner. Rowohlt)
Blind Man With a Pistol, 1969 (Blind, mit einer Pistole. Rowohlt)
Plan B, 1983 [Hrsg. M. Fabre. Die amerikanische Ausgabe, herausgegeben von M. Fabre und R. E. Skinner, erschien 1993] (Plan B. Alexander)

COFFIN ED & GRAVE DIGGER von CHESTER HIMES

Sie stehen für die Farbe Schwarz. Schwarz ist ihre kleine verbeulte Dienstlimousine mit dem privaten Nummernschild und dem frisierten Motor. Schwarz sind ihre knittrigen Alpaca-Anzüge, ihre Hüte, ihre Hemden, sogar ihre Schlipse, falls sie denn mal einen Schlips tragen. Schwarz ist auch ihre Haut: 'Coffin Ed' Johnson und 'Grave Digger' Jones, die zwei New Yorker Kriminalpolizisten aus dem Roman-Zyklus des schwarzen Autors Chester Himes (1909-1984), haben ihren Bezirk im schwarzen Harlem, dem 'Valley', gleich hinter dem Central Park. Dort sorgen sie, wenn schon nicht für Gerechtigkeit, dann doch wenigstens für Ordnung.
Schwarz ist ihre Tarnfarbe. Denn meist sind sie nachts unterwegs, wenn Harlem heißläuft oder durchdreht. Tagsüber schlafen die beiden - bei ihren Familien, in ihren hübschen Eigenheimen am Stadtrand, an deren Abzahlung sie mühsam herumknapsen. Ganz gehören sie, die während der dreißiger Jahre in Harlem aufwuchsen und nach dem Krieg als GIs in Deutschland stationiert waren, also nicht mehr dazu. Halb sind sie schon Teil einer anderen Gesellschaft; Repräsentanten des weißen Systems, dessen Drecksarbeit sie vor Ort erledigen. Eine zwiespältige Situation, die ihnen zunehmend bewußter und problematischer wird. Ihre Vorgesetzten sind weiß. Aufstiegsmöglichkeiten bestehen nicht. Im Gegenteil: Ihre Ermittlungs- und Verhör-Methoden führen so oft zu negativen Schlagzeilen in der liberalen Presse, daß sich die Dienstaufsichtsbehörde mehrfach zum Einschreiten genötigt sieht und eine einstweilige Suspendierung verhängt.
Freilich: Weiße Beamte pflegen (jene Zeitungs-Kommentare im Hinterkopf!) mit schwarzen Verdächtigen oder tricksenden Zeugen ziviler umzugehen; dafür bekommen sie aus den gerissenen Onkel-Tom-Spielern aber auch selten was heraus. Im Gegensatz zu 'Coffin Ed' ('Sargfüller') und 'Grave Digger' ('Grabschaufler') mit ihrem Gespür für die Harlemer Mentalität. Ihre volkstümlichen Spitznamen bekunden zudem, daß man in Harlem höchst respektvoll zu den beiden großgewachsenen plattfüßigen Polizisten aufblickt. Und auch ihr unmittelbarer Chef, Lt. Anderson, weiß genau, was er an seinen beiden Kripo-Assen hat. Deshalb läßt er sie auch dann gewähren, wenn er ihre seltsamen Winkelzüge nicht versteht. Oder wenn er ahnt, daß die Zwei mal wieder dabei sind, eine schwarze Sondergerechtigkeit herzustellen - ziemlich weit außerhalb der Legalität und ohne Vermerk im offiziellen Polizeibericht.
Doch eines wird im Verlauf der acht- (respektive neun-) bändigen Serie immer deutlicher: Die grotesk anarchischen Elemente schwinden, je explosiver die soziale Situation des realen Harlem sich gestaltet. (Chester Himes war wegen der rassistischen Praktiken in den USA längst schon emigriert und schrieb seine Bücher von Europa aus). 1958, als der schwarze Zyklus mit den verrückten 'Geldmachern von Harlem' begann, hatten 'Coffin Ed' und 'Grave Digger', die lakonischen Sprücheklopfer, durchaus noch einigen Spaß an ihrem gefährlichen Job. Elf Jahre später, im (»offiziell«) letzten Band 'Blind, mit einer Pistole', sind sie tief skeptisch geworden: Harlem ist ein unregierbares, von Syndikaten und selbsternannten politisch-religiösen Führern manipuliertes Chaos. Als die beiden Kripo-Beamten im Verlauf ihrer Ermittlungen in die höheren Etagen des Verbrechens vordringen, wird ihnen der Fall kurzerhand abgenommen: Kein amtliches Interesse an der Entlarvung der Drahtzieher. 'Coffin Ed' und 'Grave Digger' haben ausgespielt. Das Ende bleibt offen. Ein Dokument gescheiterter Aufklärung.
Und es gab noch ein Nachspiel: »Plan B«. Der haßerfüllte, gewaltbesessene, über weite Strecken grotesk surreale Roman eines zentral gesteuerten Schwarzenaufstands in Harlem (»B« steht für »Black«) war ursprünglich als Abschluß der Serie geplant, blieb dann aber stecken. Kurz vor Chester Himes' Tod erschien er dennoch - von fremder Hand redigiert. Coffin Ed und Grave Digger haben in diesem Szenario nur winzige Nebenrollen. Aber entscheidende: Beide werden aus dem Polizeidienst gefeuert. Coffin Ed will den Organisator des Terrors beseitigen und wird daraufhin von Grave Digger erschossen. Doch Grave Digger überlebt die Tat nur um Sekunden. Der Schwarzenführer tötet ihn, weil er »zuviel wußte«. Ein unwürdiges Ende. Ein konsequentes?
hp