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Heiko Postma | Galerie der Detektive | EKHK Karin Lietze

Pieke Biermann
Geboren 1950 in Stolzenau als Lieselotte Biermann. Studium der Germanistik und Anglistik in Hannover. Übersetzungen aus dem Englischen und Italienischen. Essays. Und Krimis. Pieke Biermann lebt in Berlin.

EKHK-Karin-
Lietze-Bibliographie

Potsdamer Ableben
, 1987 (Rotbuch)
Violetta, 1990 (Rotbuch)
Herzrasen, 1993 (Rotbuch)
Vier, fünf, sechs, 1997 (Goldmann)

Erster Kriminalhauptkommissar Karin Lietze von Pieke Biermann

Karin Lietzes kriminalistisches Kampffeld liegt in Berlin (anderswo wäre es auch kaum denkbar). Das wiederum bedeutet: Die Lietze-Reports, seit 1987 von Pieke Biermann jargonstark und dialektgestählt zu Protokoll gegeben, weisen eine merkliche Zäsur auf. Seit dem Fall der Mauer ist in der Hauptstadt auch kriminaltechnisch kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. 
In den vorwendezeitlichen Bänden ist Karin Lietze, amtsdeutsch gesprochen, die Chefin der Abteilung MI/3 in der Polizeidirektion 'Delikte am Menschen und organisierte Kriminalität' - der 'Direktion Zitty', wie's im lokalen Volksmund heißt. Das Wort 'Chefin' mag die Chefin allerdings gar nicht: Der 'Erste Kriminalhauptkommissar' Lietze (besondere Kennzeichen: drahtiger Körper, blonder Kurzhaarschnitt) besteht auf Männlichkeit, zumindest in dienstlichen Belangen. Außerdem hält es Lietze, wie sie am liebsten angeredet wird, auch gegenüber Kollegen mit dem strikten 'Sie'. Das hacken-schlagenden 'Jawoll, Chef', womit der hübsche Kommissar Detlev Roboldt gern aufwartet, mißfällt ihr aber ebenso - es klingt verdächtig nach Parodie. Der junge Mann sagt es auch nur, wenn Lietze ihn mal wieder 'Kobold' genannt hat. Im übrigen ist Detlev Roboldt, wie der Vorname schon andeutet, schwul. Der zweite Mann der Dienststelle heißt Hauptkommissar Lothar Fritz und ist ein geprüfter Softie. Ansonsten ist das MI/3 weiblich majorisiert. Außer den Genannten zählen noch Oberkommissar Sonja Schade (lesbisch) und Miriam ('Mimi') Jakob zum Stamm. Mimi ist aus Israel nach Berlin emigriert, weil sie keinen Kriegsdienst machen wollte. Sie kann wunderbar mit jenem Kaffeeautomaten umgehen, vor dem Chef Lietze regelmäßig versagt. 
Unverkennbar: Pieke Biermann - geboren 1950 in Stolzenau, Studium in Hannover, Lebensmittelpunkt in Berlin - hat für ihre Kiez-Krimis ein geradezu vorbildlich alternatives Polizeiaufgebot zusammengestellt, das sich, koordiniert von Karin Lietze, in all jene sonderbaren berlintypischen 'Szenen' hineinwühlt, die krimino- oder sozio-logisch Effekt versprechen. Ob's die Kneipen am Potsdamer- oder die Rotlichtbars am Nollendorf-Platz sind, das Rockmusiker-, Jungfilmer- oder Kulturpublizistenmilieu, die 'taz'- oder die Fascho-Szene: Karin Lietze, die in der Einführung des staatlichen Gewaltmonopols, trotz aller Mängel, einen 'kulturellen Fortschritt' sieht, ist mit ihrem Team präsent, wenn eine gefürchtete Rundfunkjournalistin vergiftet vom Barhocker fällt, wenn eine feministische Männermörderin für dauerhafte Angst sorgt oder wenn ein altbrauner Hausmeister ausländische Frauen erdolcht. 
Doch Wedding hin, Kreuzberg her: Was Lietze und ihre Leute leisten, ist mühevolle, oft frustrierende Kleinarbeit - 'sieht nach gar nichts aus; führt manchmal zu was'. Und wenn alle Stränge reißen, stehen als lebenspraktische, kundig beobachtende, erforderlichenfalls schlagkräftige Ermittlungs-Reservistinnen ja noch Helga, Kim & Co bereit - die Mädchen vom autonomen Straßenstrich, die sich zur Huren-Kooperative MIGRÄNE e.V. zusammengeschlossen haben. Als Dank für gute Tips hält Lietze ihnen schon mal die uniformierten Razzia-Bullen vom Hals. Herzlich: Kim und Helga sind die einzigen, die Karin ganz offiziell duzen dürfen. Vom Oberkriminalrat Lang einmal abgesehen. 
Bei dem möchte Lietze nun doch endlich ausprobieren (immerhin hat sie ihren fünfzigsten Geburtstag schon hinter sich), ob es einen Mann gibt, 'der eine Frau nicht trotz, sondern wegen ihrer Unabhängigkeit liebt'. Doch erstmal muß sie ihm noch seine Vorliebe für eklige Filterzigaretten abgewöhnen. Der Erste Hauptkommissar Lietze steht auf Zigarillos der Marke 'Lucky Luciano'. Jedenfalls solange keine echten Havanna-Zigarren in der Nähe sind. 
Und siehe da: Die große Vereinigung funktioniert - die beiden haben einen gemeinsamen Haushalt eingerichtet, und Adolf Lang, der zwischenzeitlich in Dresden die neue Polizei aufgebaut hat, ist nicht nur süchtig nach Karin, sondern auch nach 'Lucky Luciano'. Außerdem ist er jetzt Kriminaldirektor bei der ZERV, der 'Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität'. 
Für die Mordkommissarin Lietze hat sich dienstlich seit der nationalen Wende ebenfalls einiges verändert. Zum einen gehört nun auch der Berliner Osten zum Einsatzgebiet ihrer Abteilung (was vor allem Detlev Roboldt beglückt: Er findet dort seinen Mann fürs Leben). Zum andern aber muß das schicke alte Kürzel MI/3 dran glauben. Am Türrahmen prangt nunmehr das Reform-Schild LKA 4113/ 3. Mordkommission, und die Amtsräume liegen auch nicht mehr im 2. Stock der Polizeizentrale an der Keithstraße, sondern in der 4. Etage, zum Hof hin. Karin Lietze haust im Zimmer 456 - und das ergab den Titel ihrer nächsten Fallstudie: 'Vier, Fünf, Sechs'. Aber noch etwas hat sich einschneidend verändert, wie man der knappen Mitteilung der Chefin an ihre Mitarbeiter entnehmen kann: 'Ich bin Lietze Komma Karin und ab sofort Du. Für euch!' hp