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Verlag für die Kleine Kunst, Literatur, Essay und Literaturwissenschaft

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Adam Seide | »Hans Pleschinski«

aus:
Von Dichterfürsten und anderen Poeten. Kleine Niedersächsische Literaturgeschichte. Herausgegeben von Dirck Linck, Jürgen Peters und Wilhelm Heinrich Pott. Mit Register und Literaturverzeichnis. Gebunden.
Band III. Fünfundvierzig Portraits von Arno Schmidt bis Hans Pleschinski. Mit Fotografien von Isolde Ohlbaum, Brigitte Friedrich u.a. 336 Seiten. 60 Abbildungen. 23, EURO [D]. ISBN 3.927715.30.1.

 

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HANS PLESCHINSKI.
IST ALLES NUR AUF HOLZ GEBAUT?

von Adam Seide

»Der Holzvulkan« und anderes Holz. Alles bei Hans Pleschinski oder doch fast alles in seinen Büchern, seinen Romanen und Romänchen, seinen Erzählungen, Geschichten, Märchen und hübschen Flunkereien, seinen Pamphleten und Selbstbeschreibungen scheint aus Holz gebaut, auf Holz gebaut worden zu sein, besteht aus Masten, Planken, Dielen, Bohlen, Brettern, Balken, Bäumen, Wäldern und mannigfaltigen Aufbauten daraus, handelt davon, hat es zum Thema, ist davon umringt, eingekreist, umkreist es und hat es auch ausgesperrt, so, daß man es bemerken muß; viel Holz alles in allem also, in diesem Fall aber vielleicht doch eine solide Grundlage: In »Pest & Moor« (1985), im spätmittelalterlichen Kolberg und den umgebenden Wäldern spielend, sollen diese Wälder möglicherweise gerodet werden, die »Ur-Wälder«, um der Pest dadurch Einhalt zu gebieten und der »neuen Zeit« zum Siege zu verhelfen; im »Holzvulkan« (1986), für die Heraufbeschwörung barocker Pracht in Salzdahlum, des längst schon wieder zu Kleinholz gewordenen braunschweigischen Versailles des Herzogs Anton Ulrich, mußten wohl ganze Wälder im Harz herhalten als »Billig-Material«, um den Repräsentationsvorstellungen des Herzogs zu genügen; in den »Wundern von Glogau« (1993) besteht gar die ganze Stadt aus Holz, die Häuser, Kasernen, Kirchen und Paläste (einschließlich des »Pissoirpalastes«) ohnehin, aber dann auch zum Beispiel die Untergrundbahnen, die Automobile, einschließlich der Taxis und Luxusfahrzeuge, und dann auch die Kanonen und Schießgewehre der kleinen Stadtarmee, was nicht ohne Folgen bleibt; in »Brabant« (1995), einem Roman zur See, dem jüngsten, dickesten und ambitioniertesten Buche des Autors, besteht, ganz klar, die Fregatte aus dem neunzehnten Jahrhundert und Trägerin der Geschichte, die halt auf den Namen »Brabant« getauft worden war, aus was eigentlich denn wohl sonst? aus Holz; »Ostsucht« (1993), eine schnörkellose autobiographische Skizze, aus der wir gleich zitieren werden, beschreibt die Jugend des Autors in waldreichen Gegenden; »Nach Ägypten« (1984) wäre es wohl nicht gegangen, jedenfalls nicht auf dem abenteuerlichen Wege, wenn der jugendliche Held Frank sich auf eine Holzbank gesetzt hätte, aber auch so, da er seinen Hintern in den frischen Verputz einer Vorgartenmauer gedrückt hatte, ist er wohl nicht dort hin gekommen, aber wer weiß?; und bei dem Auftakt-Pamphlet, mit dem sich Pleschinski 1984 in die deutsche Literatur geschrieben hat, »Gabi Lenz«, muß man sich lediglich vorstellen, daß die Heldin umgeben von »unbehandelten« Ikea-Möbeln ihr »Wie kommt das Salz ins Meer«, pardon! ihr »Wie kommt der Sand in die Wüste«, verfaßt hat, schon ist man auch da beim Holze. Aber wir wollen auf diesem Holz nun nicht weiter herumreiten, sondern uns mit dem so eingeführten Autor und seinen Büchern noch unter einigen anderen Aspekten befassen.
»Ostsucht«. Hans Pleschinski wurde am 23. Mai 1956 in Celle geboren und hat in Wittingen (Kreis Gifhorn) »eine glückliche Kindheit und beste frühe Jugend« zugebracht, wie man seiner »Ostsucht« entnehmen kann: »Es war ein lebhaftes Städtchen und ein tumultuöses Haus, in dem ich aufwuchs. Da meine Mutter dort geboren und Erbin der Schmiede an der Knesebecker Straße war und da seit Jahrhunderten im Ort jeder mit jedem in irgendeine Verwandtschaft, wenn nicht stattliche Inzucht geraten war, besaß ich von vorn herein etwa sechzig Onkel und Tanten näheren und ferneren Grades, Heerscharen von Halb-, Viertel- und Achtelkusinen und -vettern, Blutsverwandten noch aus den Zeiten Napoleons in jedem zweiten Haus.« Wittingen aber lag an der deutsch-deutschen Grenze mit unüberwindlichen Stacheldrahtzäunen, Selbstschußanlagen, Beobachtungstürmen, ständigen Patrouillen etc. Damit ist Pleschinski aufgewachsen, es war gewohnt und selbstverständlich, obwohl man sich nicht daran gewöhnen konnte, es hat ihn aufgeregt, fasziniert und mit geprägt:
»›Es regnet. Wo willst Du hin?‹ / ›Ein bißchen zur Grenze.‹ / ›Zieh Dir was Warmes über.‹ / Ich ging viel und lange spazieren. Ich fuhr oft Fahrrad. Ich weiß nicht, wie oft ich an die Grenze fuhr. Der Endpunkt der Nato und der Beginn des Warschauer Paktes lagen am Ende einer Apfelbaumchaussee, wo die Teerstraße in Kopfsteinpflaster überging, das sich nach wenigen Metern in Buschwerk und Morast auflöste.« Trotzdem blieb Pleschinski sozusagen dem Osten treu: »War ich ein DDR-Süchtiger, der einer merkwürdigen Faszination erlegen war, welche von einem abgetakelten, dennoch weiterschippernden, aus seinen Nebelhörnern tutenden Staatsschiff ausging? Die DDR war so sagenhaft verfehlt. Sie verkaufte Bürger in den Westen und stellte sich dennoch als Paradies dar. Wo gab es dergleichen schwerwiegenden Staats-Kuddelmuddel noch?« Er sah DDR-Fernsehen lieber als das der BRD, sah Kinder-, Sport-, Magazin-Sendungen und Krimis, aber vor allem die Sendung von Karl-Eduard von Schnitzler, man empfing Verwandte aus der DDR und Ostberlin so lange das noch ging in Wittingen, fuhr zu ihnen, Hans Pleschinski wurde auch manchmal allein nach Dresden mitgenommen, wo er auf der Ofenbank saß und den Brühl gelesen hat, Heinrich von Brühl, Premierminister von Sachsen unter August dem Starken, aber auch die unglückliche Frau von Cosel, die Favoritin, interessierte ihn, das noch nicht preußifizierte Sachsen, mit einer Cousine lieferte er sich vorgeprägte ideologische Briefgefechte... »Aber dies Wohlgefühl, in einem Bundesland der Bundesrepublik aufzuwachsen, war da. Es war in der Idylle mit den Salonwagen der ›osthannoverschen Eisenbahn‹ nicht gleich nachzuvollziehen, daß Ruhe, beziehungsweise Unruhe die erste Bürgerpflicht sei. Wir bemalten erstmals Transparente und versammelten uns in aller Herrgottsfrühe zu einer Kundgebung. Solch Zusammenrottungen einer kompletten Gymnasiums-Schülerschaft, die mit Spruchbändern und in Parkas an Bauernhöfen und Getreidefeldern vorbeizog, war neuartig. Zwar ging es nur um die Herabsetzung der Fahrkartenpreise zwischen Wohnort und Schule, doch, immerhin, man ging für etwas auf die Straße.«
»Gabi Lenz«. Aber wenden wir uns erst einmal einigen anderen Büchern von Pleschinski zu, bleiben wir aber dabei im Norden, bleiben wir ruhig noch ein wenig in Niedersachsen, bleiben wir in Hannover, bleiben wir in Braunschweig, bleiben wir zunächst bei Gabi Lenz, der Heldin des gleichnamigen Buches, ihrem Werden und Wollen, der Dokumentation, wie aus einer Sozialarbeiterin, die mit Senioren künstlerischen Kartoffeldruck übt, eine Bestseller-Autorin wird: Gabi Lenz lebt in Hannover und wird von ihrem Freund verlassen, dem die Beziehung »irgendwie« nicht mehr zu stimmen scheint. Dies ist der Anlaß für Gabi, sich an die Niederschrift von »Kaltes Eis« zu begeben, der Geschichte dieser Beziehung. Wir finden Gabi auf dem Teppich liegend, eine dickbäuchige Flasche Rotwein neben sich, rauchend, am Bleistift kauend, die ersten Sätze notierend, sie besucht für ihr Vorhaben auch eine Buchhandlung, ist verwirrt von den vielen Büchern dort, wendet sich den Stapeln der Autobiographien der Stars zu, blättert darin, meint, das könne sie wohl auch, schreibt weiter, trifft auf Kollegen, die auch schreiben, ist mutlos, faßt wieder Mut, klappert mit dem handschriftlichen Manuskript die hannöverschen Verlage ab, die sie abwimmeln und ihr bedeuten, daß es eine maschinenschriftliche Fassung bräuchte, kann aber auch diese trotz aller Tricks nirgendwo unterbringen, bis sie im Intercity wortwörtlich auf eine Lektorin stößt, die über Taschen voller Bücher und Manuskripte stöhnt, die sie mitschleppen und lesen müsse aber am liebsten gleich aus dem Fenster kippen würde, da alles so künstlich, so literarisch sei, nichts ‘rausgekotztes dabei; Gabi faßt Mut und zeigt jener ihr ‘rausgekotztes Epos »Kaltes Eis«, dem bald darauf »Wie kommt der Sand in die Wüste« schon folgen wird. Pleschinski beschreibt das alles mit einer sanften süffisanten Ironie, die gar nichts Pamphletisches an sich hat, trotzdem wird einem alsbald klar, daß hier von einer Krise der Literatur der 80er Jahre die Rede ist: Alles ertrinkt in diesen unsäglichen Verständigungstexten, nichts Autonomes, nichts Universelles, nichts, was man als Literatur bezeichnen kann, so scheint es. Zwei Fragen dazu. Ist das elitär, was Pleschinski in dem sanften Pamphlet fordert? und ist Gabi Lenz richtig in Hannover angesiedelt? Die zweite Frage kann ich sofort und mit ja beantworten, die erste lassen wir vielleicht noch ein bißchen offen, denn Hannover ist doch eine ganz normale Stadt, die sich durch nichts auszeichnet, durch nichts hervorragt, nicht irgendwie sich originell gibt, so also auch Gabi Lenz.
»Pest & Moor«. Das zentrale Buch Hans Pleschinskis scheint mir aber »Pest & Moor« zu sein, in dem sein durchgehendes Thema sehr deutlich angeschlagen wird: Krankheit, Krise, Fieber auf dem Höhepunkt (und auf dem Wendepunkt?). Die Markgräfin Irene regiert, 24jährig, Kolberg und ein paar umliegende Dörfer mit so dreitausend Seelen insgesamt, man schreibt das Jahr 1348, die Pest steht schon in Stettin, man muß gewärtig sein, daß sie demnächst auch Kolberg darnieder legt, die Flagellanten sind schon auf ihrem Büßermarsch, ängstlich und ratlos sind alle am Ort, die von der Pest wissen; Irene liegt frierend nächtens in ihrem Alkoven, ihr träumt, o Wunder, von der neuen Zeit, vom elektrischen Licht, von Desinfektion und Hygiene, und von Kaffee, aber auch von einem hübschen Freund; als ihr aber am nächsten Morgen der Junker Jörg die Aufwartung macht, er ist Sekretär der Hanse aus Köln, politisch beschlagen und Dichter, erfährt sie von ihm, daß er das gleiche geträumt habe, in den gleichen Bildern und mit genau den gleichen Wörtern; dem Magister, der am Ort die Inquisition leitet, kommt das Wort Kaffee zu Ohren, er erwischt die Gräfin, den Junker und den Bader, der auch das Spital leitet und etwas von Humanismus, Renaissance etc. gehört hat, wie sie über Desinfektion beraten, und er wünscht, sie brennen zu sehen, flugs aber verschwindet er zu einer Himmelfahrt im Kamin; und die drei Neuerer wenden sich in ihrer Ratlosigkeit an eine Hexe in den Wäldern, die aber auch nicht mehr weiter weiß, aber es kommt zu »Reibungen«, die Wärme bringen und Hoffnungen? – Egon Friedell beginnt seine »Kulturgeschichte der Neuzeit« mit einem Kapitel über den Wert der Krankheit für die Menschheitsgeschichte: »Auf Grund dieses Schemas wagen wir nun die Behauptung aufzustellen: das Konzeptionsjahr des Menschen der Neuzeit war das Jahr 1348, das Jahr der ›schwarzen Pest‹.« Aber »Pest & Moor« ist nicht nur eine Illustration der Friedellschen These, dazu ist es zu konkret, zu anschaulich, zu detailverliebt, sein Pendant heißt »Brabant« und erzählt von gegenwärtiger Krisis.
»Brabant«. Seit langem tagt der europäische Kulturverein Artemis jährlich einmal auf dem Hotelschiff »Brabant« im Flämischen. Die gegenwärtige Versammlung war verärgert über die Dreistigkeit des Disney-Konzerns, an historischer Stätte in Rom einen weiteren Vergnügungspark placieren zu wollen. Kurzerhand wurden die Taue des Vergnügungsschiffes gekappt, die Fahrt geht gen Amerika, ein Warnschuß soll aus der alten Kanone der Fregatte gegen das Pentagon abgegeben werden, symbolisch! Und wer von den vier Dutzend Mitreisenden annahm, die Fahrt würde bald beendet sein, der kannte die Energie von Madame Toussaint nicht, die die Weiterfahrt und den Warnschuß gegen alle Hindernisse durchsetzt, der Gegner Dr. Huisters, niederländischer Rundfunkredakteur, der für das freie Amerika schwärmt, bleibt aber auch nicht faul. Es gibt Todesfälle und Hochzeiten dabei, Konzerte, Lesungen, Unterrichtungen, Fährnisse wie im richtigen Leben, aber insgesamt ist das ein großes Gespräch über die alte europäische Kultur und das neue vitale Amerika. Pleschinski gelingt es dabei, viele Dutzend Leute auf einem Schiff lebendig wirken zu lassen; hübsch dabei der Feuilletonchef der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, Friedhelm Lambert, aus der Pfalz nach Hannover verschlagen, eher Lyriker als Feuilletonist, aber der Familie wegen dieses Opfer bringend, Mann der Mitte, des Ausgleichs, der Versöhnung, der Vermittlung, verschwindet er noch kurz vor dem Schuß und dem Schluß von Bord unter Hinterlassung eines Bachmann-Gedichtes...
Bleibt noch der »Holzvulkan«. Eine klassische Erzählsituation, ein amerikanischer Germanistikstudent auf Europareise bleibt bei Wolfenbüttel in Regen und Nebel in seinem schrottreifen Opel neben einer Kuhweide hängen und wird von einem Bibliothekar in Schlapphut und Cape »im Auftrag eines toten Herzogs eingefangen«, der Bibliothekar berichtet im strömenden Regen von dem einstmals größten Schloß aus Holz, das hier gestanden, und allmählich auch im Kopf des Studenten entsteht, wovon er einem Kommilitonen in den Staaten per Brief berichtet, während er sich in der Wohnung des Bibliothekars von der Erkältung auskuriert, die er sich bei der Besichtigung des nicht mehr vorhandenen Salzdahlumer Schlosses geholt hatte (dessen Holz brannte übrigens schlecht, führte zu Erstickungsanfällen), zur Lektüre hat er dabei die umfänglichen Werke des Herzogs Anton Ulrich, die ihn übrigens noch vier Wochen mindestens aufhalten werden, länger als die ganze geplante Europareise...
»Glogau« und anderes. Agonie des Barock, der Barocke, Krise des alten Europa, Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem so viel mehr vitalen Amerika, Pest als Krankheit zum Übergang zur Neuzeit, Lebenskrise, Literaturkrise, deutsch-deutsche Krise immer noch – wir wollen Hans Pleschinski nicht darauf festlegen, ein Diagnostiker der Krisen zu sein, denn dazu ist er ein viel zu liebenswürdiger Schreiber, vielleicht sogar der einzige hier und heute? Aber wir wollen nicht schon wieder übertreiben..., zitieren wir ihn lieber: »Das Buch bleibt das Floß, auf dem es, halbwegs sicher, halbwegs würdig, durch die Zeiten gehen kann.«