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Verlag für die Kleine Kunst, Literatur, Essay und Literaturwissenschaft

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Adam Seide | Person und Werk | Portrait von Henning Rischbieter

aus:
Von Dichterfürsten und anderen Poeten. Kleine Niedersächsische Literaturgeschichte. Herausgegeben von Dirck Linck, Jürgen Peters und Wilhelm Heinrich Pott. Mit Register und Literaturverzeichnis. Gebunden.
Band III. Fünfundvierzig Portraits von Arno Schmidt bis Hans Pleschinski. Mit Fotografien von Isolde Ohlbaum, Brigitte Friedrich u.a. 336 Seiten. 60 Abbildungen. 23,50 EURO [D]. ISBN 3.927715.30.1.

Adam Seide

weitere Portraits über
Oswald Andrae von Johann P. Tammen,
Chris Bezzel von Manfred Geier,
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Albrecht Schaeffer von Elsbeth Wolffheim,
Ronald M. Schernikau von Dirck Linck,
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Adam Seide von Henning Rischbieter,
Hannelies Taschau von Heidi Goch,
Timm Ulrichs von Jürgen Peters,
Bernward und Will Vesper von Jürgen Peters,
Guntram Vesper von Heiko Postma,
Günter Wallraff von Heiner Siefken,
Hans Jürgen von der Wense von Michael Lissek und
Rudolf Otto Wiemer von Arnim Juhre beginnen.

ADAM SEIDE — »HINTERM BLAUEN TOR«

von Henning Rischbieter

Seit dem 20. Oktober 1958 gab es – schwarzer bär, deisterstraße 19, hinterm blauen tor, im neogotischen Saal des Alten Lindener Rathauses – die Galerie Seide. Sie war eine der ersten Nachkriegs-Privatgalerien der Stadt, wetteiferte – und das auf eigene Rechnung und eigenes Risiko – mit den städtisch und mäzenatisch geförderten Institutionen Kunstverein und Kestner Gesellschaft und hat bis zu ihrem Verbleichen irgandwann 1962 gut zwanzig Ausstellungen gezeigt, darunter solche des Italieners Piero Dorazio, des israelischen Plastikers und Malers Igeal Tumarkin, des Kubaners Girona – und Bilder einer neuen deutschen Malergeneration: Gustav Deppe und Günter Drebusch vom »Jungen Westen«, die Zero-Maler Mack, Piene, Ücker, die in Hannover damals noch als Kunsterzieher arbeitenden, heutigen Akademie-Professoren Raimund Girke, Dietrich Helms und Siegfried Neuenhausen.
Die Galerie Seide war ein Treffpunkt, sie war (ich nehme einen Ausdruck von Alfred Kerr, den der über Otto Brahms‘ Theater prägte) ein »Menschenhaus«. In dem wurde getrunken und gegessen, geredet, rezitiert, polemisiert, redigiert, es wurde in diesem Menschenhaus wenig gehaßt und um so mehr geliebt.
Die gut zwanzig Kataloge der Galerie Seide – Schriften genannt und überwiegend auf der im Keller stationierten Handpresse gedruckt – geben Zeugnis von den ausgestellten Kunstwerken und den Künstlern. Sie beschränken sich aber nicht darauf, sondern stellen Korrespondenzen her: mit Literatur, durch Zitate, mit Gesellschaft, durch Reflexion. Und diese Kataloge korrespondieren mit der Zeitschrift »Yardbird«, die am gleichen Platz beredet, redigiert, gedruckt wurde (ist sie fünfmal oder öfters erschienen?).
Woher kam der Kunstaufspürer, Literaturversammler und Menschenfischer Adam Seide, der Mann im Mittelpunkt des Galerietreibens?
Ich habe Adam Seite 1956 kennengelernt, in der Heimvolkshochschule Springe am Deister, einer Stätte der Arbeiterbildung, wo ich damals Lehrer war. Da hielt eines Abends ein vollbärtiger junger Mann einen Vortrag mit eigenen Lichtbildern, erzählte von einer Fußwanderung gen Süden, durch Deutschland, die – nach großen Vorbildern – nach Italien führen sollte und, wenn ich mich recht erinnere, nach einem Jahr am Fuße der Alpen endete. Der Wanderer war Handwerker, genauer: Handsetzer von Brotberuf, Fotograf von Passion und auch Lyriker. Ich besitze einen Band mit Fotos, Porträts, Landschaften, Fotos auch von Gegenständen – gestapelte Dachziegel, eine Holztreppe im Seitenlicht, Bücklinge auf Zeitungspapier liegend – mit dem Schlußbild eines unbärtigen Jünglings mit Hornbrille, das Kinn auf die Hände aufgestützt, darunter der ins Negativ geätzte Schriftzug A.Dam. Und ich besitze das Bändchen mit dem Titel »wörter zeichen«. Der Schlußvermerklautet: »von diesem buch wurden fünfzig exemplare auf der handpresse der heimvolkshochschule springe abgezogen text und gestaltung w. seide.«
Die lyrischen Texte dieses Bandes schwanken zwischen Weltschmerz und Spott, leichter Verzweiflung und schwerflüssigem Sentiment.
Eines Tages, ich denke im Jahre 1957, nahm sich Adam Seite den Vollbart ab, verkaufte seine Fotoausrüstung, zog sich ein schwarzes Habit an, gab die Handsetzerei auf (arbeitete für das Notwendigste eine kürzere Zeit noch als Korrektor), er okkupierte das Wohnzimmer der dreizimmrigen Wohnung seines Vaters in Linden, Grimmestraße, und veranstaltete in eben dem Wohnzimmer und in seinem eigenen Zimmer Kunstausstellungen. (Das war die Vorstufe der Galerie Seide hinterm blauen Tor.)
Dieser Übertritt des Proletariersohns, Volksschülers, Handsetzers und ehrenamtlichen Gewerkschaftsfunktionärs, des Autodidakten: besser Selbstbildners, dieser Übertritt also in die Ausschließlichkeit des Kunstmachens und Kunstbeförderns geschah mit sanfter und unaufhaltsamer Beharrlichkeit, sprunghafter Konsequenz, mit immer neu und unverdrossen ansetzender Beharrlichkeit.
1962 dann entwich Adam Seide seiner Geburtsstadt, der Stadt seines ersten menschenfischenden Erfolges und seines kommerziellen Scheiterns – er ging nach Frankfurt am Main. 1965 erschien »Der Egoist«, Heft 7, Herausgeber Adam Seide, Frankfurt am Main, Friedrichstraße 33 (hat es schon ein Heft 6 gegeben oder war das das letzte Heft des »Yardbird«?). Zur Begründung des Titels »Egoist« versammelte das Heft Essayistisches von Alain, Cioran und Fabri, drei der zweifelnden (oder gar nihilistischen) Hausgottheiten des Einzelgängers und Zweiflers Adam und wiederum und dagegen Beispiele für den Kommunikations-Idealisten Adam, Texte über Koch- und bildende Kunst, über Girke und Happenings von Vostell.
Im gleichen Heft finden sich unter dem präziösen Titel V.A.G.E, ohne Punkte gelesen: Vage, im Untertitel so genannte »Gebilde aus dem Nachlaß von Martin Schultz«. Ihnen vorhergegangen war 1964 ein titelloses Bändchen in 23 Exemplaren bei der Gulliver Presse, eingeleitet durch Kurz-Zitate vom Feinsten, von Baudelaire über Valéry und Schwitters bis Camus und Beckett – die Hausgottheiten wieder mal. Dann, Hauptteil, aus dem »Nachlaß von Martin Schultz, einer Dame zugeeignet«. Darunter als Fünfter Brief ein grausliges Märchen über eine Familie, Mann, Frau, Sohn, Tochter, in welchem Mann und Frau sich prügeln, hassen, lieben und die Frau vor der Zeit zu Tode kommt. Ich behaupte mal: Das ist die in grimmig Grimmsche Distanz gerückte Urzelle von Adam Seides erstem Roman, der schließlich »Im Zustand wie gesehen« hieß und nach langem Umformen und Werden 1980 bei Rowohlt erschien.
In späteren Heften des »Egoist« lassen sich – immer noch unter dem Pseudonym Martin Schultz – weitere Versuche darüber finden, wie man denn dem Ennui, der Erschöpfung, dem Zweifel sich entringen könne, um eine Geschichte zu erzählen – die eines Kindes, eines Jungen, einer Familie.
1971 gab es dann die erste Version dieser Geschichte, der Geschichte der Ehe von Adams Eltern: Ein vorsätzlich trockener Bericht, abgefaßt im Tonfall fast eines Polizeiprotokolls, mit abgekürzten Familiennamen und von erschreckender, kraß erkenntnisstiftender Genauigkeit. Genauigkeit worüber? Über das unauflösliche Miteinander von individuellen, familiären Schicksalen und sozialer, ökonomischer, politischer Lage.
Der endlich 1980 erschienene Roman verlängert die Ehe-Geschichte von 1971 in die Vergangenheit: erzählt vom Einzug der am Ende des vorigen Jahrhunderts vom Dorfe in die große Stadt Abwandernden. In eingeschobenen Passagen, geradezu psalmodierenden, wird die Familiengeschichte auf die Hochebene der überindividuellen Verallgemeinerung gehoben. In der Hauptsache aber wird eben die Geschichte einer vielköpfig verzweigten Familie erzählt, vom Großvater und dessen handwerklich-kleinbetrieblicher Geldschrankproduktion, von der gluckenhaft-glücklich verfaßten Großmutter, von den Söhnen und Töchtern, von Aufstieg einiger dieser ins Angestelltenwesen und -gehabe, vom Verbleib anderer im Proletariat, von Familientreffen, -festen, -hochzeiten, -begräbnissen, vom normierten und mühseligen Alltag, von Arbeitsstätten und von der zerstörerischen, unfaßbaren Gewalt der Arbeitslosigkeit, vom Nachwirken der Monarchie, von der humanen Selbstverständlichkeit der Nachbarschaften, natürlich auch von Neid und Mißgunst, von Liebe, Begehren, Tanz und Taumel, von Sehnsucht und Suff; vom lähmenden Untergang der Weimarer Republik; vom Nazialltag und seiner allzu selbstverständlichen Brutalität (was auch zum Zerfall der Großfamilie führt), vom als Fatalität erfahrenen Kriegsausbruch, von Bombennächten, Bunkersitzen, bitterer Knappheit und dem vom Außendruck erzwungenen, müden Wiederaneinanderrücken der Eltern, vom Sohn als stillem, empfindsam beobachtenden Kind, von Zwangsarbeitern im Rüstungsbetrieb, die wie selbstverständlich als Gleiche empfunden werden; vom Kleingarten und der Kleingartenlaube, vom Kriegsende und vom Stillwerden aus Erschöpfung; vom Verlöschen der Mutter.
Auch der ausgewachsene Roman behält den Tonfall des spröden Berichts. Die präzise gesetzten materiellen, materialen Details beschweren das Erzähl-Netz, damit es Realität faßt, den Bodensatz des Alltäglichen.
Der Titel »Im Zustand wie gesehen« – diese Formel aus Kaufverträgen, im Roman auftauchend, als Vater Wilhelm ein gebrauchtes Motorrad erwirbt – will wohl auch sagen: Hier ist kein Progreß, sondern Zuständlichkeit. Das utopische Potential ist zurückgenommen ins tägliche Bewältigen des Alltags, scheint nur schwach auf im Wunsch, sich wegzuträumen (bei der Mutter, beim Sohn): erscheint gerade eben noch im querulantisch Widerständigen: »So hoch liegt der Dreck«, murmelt die Mutter, wenn sie den erzwungenen Hitlergruß unwillig leistet.
Als der Roman »Im Zustand wie gesehen« erschien, hatte Adam Seide fast zehn Jahre – die von 1970 bis 1979 – wieder im Hannoverschen verbracht, in Wunstorf lebend und in Hannover die Kneipen, vor allem eine, frequentierend, wovon das »ABC der Lähmungen«, ein schmaler Band mit Porträts, 1979 Kunde gab – und die gehefteten Blätter der »Poetischen Schnellpost«, die Adam Seide 1978 selbst auf dem Flohmarkt vertrieb.
Und 1975 hatte er die Zeitschrift wiederaufgenommen, als »Neuer Egoist« erschien ein dickes, goldfarben eingebundenes Heft, vor allem mit Texten über Hannover, im Jahr darauf ein zweites und letztes über Frankfurt.
Dahin zog es Adam Seide wieder, zum zweiten Mal, 1980, und Mitte der 80er Jahre erschienen im Athenäum Verlag Schlag auf Schlag drei weitere Erzählbände:
1985 »Der Taubenkasper«, 1986 »Die Braunschweigische Johanna«, 1987 »Rebecca«. Drei Bände, mit dem Erstling darin übereinstimmend, daß sie authentischen Lebensstoff aufnehmen, umformen, mit Fiktivem amalgamieren, und daß alle vier Werke konkrete Kapitel einer vielhundertbändig zu denkenden deutschen Gesellschaftsgeschichte dieses Jahrhunderts sind. 
»Der Taubenkasper« verdankt sich einem einjährigen Aufenthalt Adam Seides als Stadtschreiber in Unna/Westfalen 1982/83. Der Untertitel bezeichnet, wovon berichtet wird: »Von Kämpfen, Siegen, Niederlagen, Verstrickungen, Weimarer Republik und Zechenkolonie«. Die Bergmanns-Wohnsiedlung im Zentrum des Berichts ist die von Unna-Königsborn. Der Bericht ist komponiert aus unterschiedlichen Formen. Es gibt, fettgedruckt, unter den Jahreszahlen von 1919 bis 1932 politische chronikalische Mitteilungen, Notierungen des Bergmannslohns, ökonomische Daten. Unter den Ortsangaben »Tonhalle« und »Zechenplatz« finden sich Ausschnitte aus Reden von Arbeiterfunktionären verschiedener politischer Lager; sie präludieren das politische Haupt- und Schmerzensthema, das auch die Figuranten des Romans gegeneinander treibt: die Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten. Arbeiterlieder werden zitiert, Filmstorys eingeblendet, verlogene, papierene Amateurtheaterdialoge einmontiert. Die meisten Texte aber sind Rollenprosa: Drei Arbeiterfrauen, ein halbes Dutzend Arbeiter lösen mit ihren meist berichtsartigen Wortmeldungen einander ab. Sie sprechen nur gelegentlich miteinander, manchmal gegeneinander, oft aneinander vorbei. Die einzelnen sind, obwohl miteinander verheiratet oder Geschwister, mindestens bekannt miteinander, auf ihre je eigene Erfahrungswelt festgelegt. Gegen die proletarischen Stimmen setzt sich die des Unternehmensmanagers, des Bergassessors. Und doch entsteht aus dem Disparaten – der Textarten, der Berichtsperspektiven – eine Art Gewebe, 13 Jahre Zeitstoff, Ruhrgebietsstoff. Am Ende steht das Ereignis, auf das sich auch die Widmung des Romans bezieht: »Dem Andenken des am 28.7.1932 am Rande von Königsborn von den Nazis ermordeten sechzehnjährigen Reichsbannermannes Fritz Ferkau.«
»Taubenkasper« heißt diese bedachtsame – und ein wenig zu sehr ausgedachte – Komposition, weil dem ausgedienten Bergmann mit dem Taubenschlag das resignative Schlußwort gehört. Er hat die Tauben vor Wut fliegen lassen, »regelrecht rausgeschmissen«, wenn sie nicht fliegen wollten. »Die armen Viecher konnten ja nichts dafür, aber was sollte ich machen. Wir haben doch die ganze Zeit in unseren Versammlungsräumen gesessen und haben gewartet, auf die Parole, auf den Kampf, aber der Befehl kam doch nicht. Wir haben umsonst gewartet. Das Reichsbanner, die Partei, der alte Verbund, die Republik – das war doch unsere Heimat, unser Taubenschlag, wir hatten doch sonst nichts.«
»Die Braunschweigische Johanna« heißt im Untertitel »Ein deutsches Requiem«. Es handelt sich im Hauptteil um eine Ich-Erzählung der Titelfigur. Johanna, vaterlos, wächst mit ihrer Mutter, mit dem Großvater, mit Onkel Theo, dem Lebensgefährten der Mutter, in der braunschweigischen Altstadt auf, über der Kneipe, unter den Türmen von St. Magni, von dem sie den Stundenschlag und den Gottesdienstaufruf der Glocken hört. Mit sympathetischer, zarter Einfühlung setzt sich der Autor in eins mit Johannas Wahrnehmungen, Empfindungen, Hoffnungen, Träumen, Enttäuschungen. Mit Kriegsausbruch wird es hart und härter für Johanna: Sie wird, weil man ihrer in der Fabrik schuftenden Mutter Vernachlässigung vorwirft, ins Mädchenerziehungsheim Birkenhof gesteckt, dient ein halbwegs glückliches, unbezahltes Hauswirtschaftsjahr im Großbürgerhaushalt des Gerichtsdirektors, muß dann wie ihre Mutter in die Konservenfabrik; die beiden werden ausgebombt in der Altstadt, es gibt ein bißchen Spätsommerglück in einer Schrebergartenlaube; dann nimmt Johanna aus einem von Bomben niedergebrochenen Haus einen Schmuck, wird erwischt und – das ist ein authentischer Fall – als 17jährige wegen Plünderung zum Tode verurteilt und hingerichtet. 
Der zweite Teil des Buches, nur noch zwanzig Seiten, ist »Der Richter Bollwerk« überschrieben. Wieder eine Ich-Erzählung, diesmal aus der entgegengesetzten Klassenperspektive. Der Richter – jener Gerichtsdirektor, bei dem Johanna diente, der sie aber auch verurteilt hat – erinnert sein fast sechzigjähriges Leben: Produkt des monarchischen Nationalismus, wenn auch als Student verbummelt, am Theater hängend, spät Assessor, Richter, Ehemann; der Republik gegenüber indifferent; Mitläufer, als die Nazis an die Macht kommen, ein Ordnungsdiener und – wie er meint – an Gott glaubend und dessen Gnade. Er meint aber, als Richter keine Gnade an Johanna üben zu dürfen.
»Die Braunschweigische Johanna« setzt Klassenlagen, Klassensichten, Klas-sen(un-)bewußtsein scharf, aber unpolemisch gegeneinander. Und überzeugend selbstverständlich ist die Parteinahme für das Kind, das Mädchen, das Justizmordopfer Johanna.
Adam Seide hat in den 60er Jahren, beim ersten Frankfurter Aufenthalt, in drei Riesenräumen und einem Wintergarten im Haus Röderbergweg 32 gewohnt. Fast zwanzig Jahre später hat er die Geschichte von Bewohnern dieses Hauses erzählt – das Haus war inzwischen unverständlicherweise abgerissen worden. Seides Buch über dieses Haus hat zwei anspruchsvolle Motti, eines von Faulkner »Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie ist noch nicht einmal tot«, eines von Balzac »Wer etwas über die Geschichte der Welt erzählen möchte, der soll die Geschichte eines Hauses erzählen«.
Seides Roman genanntes Buch trägt den Titel »Rebecca« insofern zu Recht, als dessen größter Bestandteil Briefe der jüdischen Jungfrau Rebecca sind. Ihr erster Brief an die Freundin Henriette stammt vom 16. Oktober 1898, da ist sie mehr als fünfzig Jahre alt, ins »Haus für Jungfrauen jüdischen Glaubens besserer Stände« eingezogen, das ihr Großvater hat erbauen lassen. Ihr letzter Brief, der einer etwa Achtzigjährigen, vom 4. Juli 1926, findet sich auf den vorletzten Seiten des Buches.
Das ist die quantitativ dominierende Textschicht und zugleich die erste Zeitebene des Buches. Eine zweite: die Ich-Erzählung des Malers Alfred Singer, der unter den Nazis als Verfertiger entarteter Produkte gilt und Reklamezeichner bei AEG wird. Dritte Textschicht und -zeit: Singers Sohn Thomas erinnert sich an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im Haus. Vierte Textschicht: das Tagebuch des Hans Möller, das am 1. Mai 1933 beginnt, als er 16 Jahre alt ist, Mitglied der Reiter HJ. Er fühlt sich vor allem für Pferde verantwortlich; auch noch, als die SS, die ihn übernahm, im Hause herrscht und haust. Eine fünfte Textschicht ist jüdisch-prophetischer Art; die sechste und letzte: Anreden des Erzählers, des Autors an seinen Sohn.
Der Zusammenbruch des Athenäum Verlags hat bis heute das Erscheinen weiterer Bände verhindert; von dem Erzähl-Unternehmen »Drei alte Maler« (das sich in Adam Seides Jugend und seine hannoverschen Zeiten zurückwendet) erschien ein Bruchstück zuletzt in Band 4/1994 des Jahrbuchs »Welfengarten«.
1992 erhielt Adam Seide den Gerrit Engelke Preis der Stadt Hannover, einen Preis, der an den im ersten Weltkrieg gefallenen, aus Hannover stammenden Lyriker anknüpft. Engelke war Arbeiter, Maler. Adam Seide hat sich in seiner Dankrede (gedruckt 1993 im Patio Verlag Neu-Isenburg) freundlich über den Namensgeber des Preises geäußert – und über Schorse (hannoversch für Georg) Heuer, den Schriftsetzer-Faktor, bei dem er, Adam Seide, nach dem zweiten Weltkrieg das Handsetzen lernte.