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Verlag für die Kleine Kunst, Literatur, Essay und Literaturwissenschaft

REVONNAH VERLAG HANNOVER

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Druckhinweise

Adam Seide | »...es ist nur eine Reise...«

Drei alte Maler.
Ein altmodischer Roman in drei Büchern.
Erstes Buch 
»...es ist nur eine Reise...«.
Zweites Buch 
»Eine Art von Auftrag« (in Vorbereitung).
Drittes Buch 
»Mutter Leuchtemal stirbt« (geplant).

Eine Reise...

Souverän greift Adam Seide in »...es ist nur eine Reise...« Experimente der Klassischen Moderne auf und gibt ihnen – ohne sie zu beeinträchtigen – Leichtigkeit, indem er einem immer präsenten, zur Ironie neigenden, fast schon plaudernden Erzähler das Wort gibt.

»Humor, gepaart mit feinster sprachlicher Virtuosität, ist Adam Seides Vorzug, den er im ganz kleinen wirken läßt. [...] und Seide treibt die ironische Brechung noch weiter, läßt seine Frau zu Wort kommen, wie sie ihn wegen der chronischen Ereignislosigkeit seiner Prosa beschimpft: ›Was soll denn das nun eigentlich werden? ein Roman? daß ich nicht lache, ein Roman, in dem überhaupt nichts passiert, in dem ein Junge herumsteht, aus dem Fenster guckt und mit einer Fliege spricht und sich über seine Großmutter mokiert ...‹. [...] Wer noch Sinn für sprachliche Feinheit und unspektakulären Witz hat, wer Geduld aufbringt [...], der wird diesen altmodischen Roman genießen.«

HANS-PETER KLATT
NÜRNBERGER ZEITUNG

»Es ist, als ob er eine Lupe hielte über das Leben seines Helden, indes zugleich mit dem Fernglas hantierte, damit ihm die Nebengleise und Verästelungen nicht entgehen. [...] Dabei sind ihm einzigartige Figuren gelungen.«

GABRIELE WEINGÄRTNER
RHEINPFALZ

»LOB DER AUSFÜHRLICHKEIT — Ein Schriftsteller wehrt sich gegen die Hektik unserer Zeit«

VON FRANK QUILITZSCH. 
THÜRINGISCHE LANDESZEITUNG 
(WEIMAR) VOM 23.IX.2000

»Hinter einem mit Namen Lampenschirm vermutet man nicht unbedingt einen Langstreckenläufer. Doch Lampenschirm ›geht, geht, holt weit aus, schreitet zügig einher, macht lange Schritte; manchmal auch wagt Lampenschirm einen Sprung, einfach so, ohne Anlauf oder Vorbereitung, aus dem Stand oder besser gesagt aus dem Gehen heraus, ein federnder Schritt, hebt ab, bleibt einen Augenblick nur, einen Augenaufschlag lang, einen Wimpernschlag lang nur in der Luft, in der Schwebe, prallt dann aber gleich wieder schon hart, unsanft und auch ernüchtert auf dem Boden ...‹
So und so weiter, stark verkürzt, der Anfang zu Adam Seides neuen Roman, der von einem Jungen erzählt, der eben die Schule abgeschlossen hat und noch nicht weiß, was er tun wird. Also geht er, schaut und wartet ab. Der Ort, Linden, läßt sich als ein Stadtteil von Hannover erschließen, die Zeit: Ende der 50er Jahre, und nur ganz allmählich, Schritt für Schritt, entwickelt sich auch so etwas wie eine Geschichte.
Doch die ist vielleicht gar nicht so wichtig. Viel wichtiger sind die Nebensächlichkeiten, die Abschweifungen, Beschreibungen. ›...es ist nur eine Reise...‹, so der Titel des Buches, spielt mit der Figur und mit dem Leser. Seides Erzählen ist von einer solchen Langsamkeit und Ausdauer, daß einem der Atem stockt. Der Erzähler setzt alles daran, die Gesetze der Erzählökonomie auszuhebeln, indem er sich nimmt, was heute kaum noch einer zu beanspruchen wagt: Zeit, viel Zeit, sehr viel, unendlich viel Zeit.
Manchmal entschuldigt er sich, wenn die Geschichte klemmt. Und einmal schildert er, wie seine Frau, die das alles zu lesen bekommt, auf ihn einschimpft: ›Es passiert ja überhaupt nichts in diesem Text, es passiert ja auch gar nichts in diesem Roman, wie du das nennst ...‹
Recht hat sie und wiederum nicht. Denn daß beinahe gar nichts und das Wenige noch dazu wie in Zeitlupe geschieht, wird zum Ereignis. Ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen, die umständlichen Beschreibungen von Lampenschirms Mansarde, Mutter Leuchtemals Museum, des Innenlebens einer Kneipe, und habe mich köstlich amüsiert über des Erzählers Schweifzüge, der die Kunst des Ausweichens, Vertröstens, Einfügens, Ausschmückens und Wiederholens so virtuos beherrscht.
Und der Autor hat sich einen Satz von Emile Zola zum Leitmotiv gemacht: ›Jeder der um die Ecke kommt, ist ein Held.‹ Bei ihm kommen nicht gerade viele um die Ecke, aber sie kommen langsam und sie verschwinden nicht so rasch: der Junge Lampenschirm, wie gesagt, seine Großmutter Leuchtemal, später, viel später, ziemlich spät, aber nicht zu spät die hübsche, gleichaltrige Dora, die Lampenschirm aus seiner Isolation reißt. So daß er vorwärts kommt, zu studieren beschließt und ein bißchen Philosophie schnuppert.
...«

»ADAM SEIDE — ›...es ist nur eine Reise...‹«

VON HANS PLESCHINSKI. 
BAYERN2RADIO VOM 2.IX.2000

»›... so ein Unsinn (sagt meine Frau) ... schreib Krimis oder Agentenstorys oder äußere dich zur deutschen Einheit oder den Krieg, die Umwelt oder sonst etwas, was populär ist, aber laß endlich diesen dummen Jungen Lampenschirm sausen und auch die 50er Jahre, ansonsten geht es uns schlecht.‹
Die Ermahnung der Ehefrau, die der Autor gleich mit in sein Buch aufnahm, verhallte fruchtlos. Der Frankfurter Schriftsteller Adam Seide fuhr unbeirrt fort, einen der ungewöhnlichsten Romane der gegenwärtigen deutschen Literatur zu schreiben. Der Titel des jetzt erschienenen Buchs lautet ›...es ist nur eine Reise...‹. Auf 330 Seiten liegt damit der erste und in sich geschlossene Teil einer Trilogie vor, die wahrscheinlich ebenso streng und minutiös fortgesetzt werden wird.
Adam Seide, mittlerweile 71 Jahre alt, war Galerist in Hannover. Er gab in den 60er Jahren die essayistische Zeitschrift ›Egoist‹ heraus. Darüber hinaus hat Seide in mehreren Prosawerken neuere Zeitgeschichte und besondere Erzählverfahren miteinander zu verbinden gewußt. 
Inmitten der Pop-, Action- und Selbsterfahrungsliteratur unserer Tage ein Geheimtip-Literat? Vielleicht. Nein, mit Sicherheit. Geradezu heroisch wirkt es, wie Seide jeglichen zeitgenössischen Trend beiseite läßt, um seinem eigenen, nur scheinbar skurrilen Universum treu zu bleiben.
Dabei gibt es im Roman ›...es ist nur eine Reise...‹ durchaus einen Helden und Begleitfiguren, einen klar definierten Ort und: Handlung.
Die Geschichte führt in die 50er Jahre, in den hannoverschen Industrievorort Linden, und berichtet von dem Jungen Norbert, der wahrscheinlich wegen seines blonden Haarschopfs ›Lampenschirm‹ genannt wird. Das verwaiste Nachkriegskind wohnt unterm Dach bei seiner Großmutter, die einen Kiosk betreibt, der seit Kaiser Wilhelm wie eine Insel im Gewoge der deutschen Zeitläufe steht.
Seides Held Lampenschirm, dieser Junge, der viele Nächte lang zu einem anderen hellen Fenster hinträumt, der seine Mansarde mit einer Fliege teilt, der mit einem Blechfrosch in der Hosentasche die Straßen durchwandert, ist ein Antiheld. Ohne Pläne und Ehrgeiz liegt er auf dem Bett oder verzehrt sein Mettwurstbrötchen. Das pure Dasein, ein wenig Wahrnehmung, schließlich eine kleine Liebe zu einer Kellnerin, vorsichtige Abwägungen seines späteren Berufs füllen ihn aus und genügen ihm. Solche Ruhe, die Benennung jedes Lebensdetails, die behutsame Menschenbetrachtung gehen so weit, daß Seide sogar ein ganzes Kapitel dem bloßen Dastehen seiner Hauptfigur widmet. Damit wird die Entdeckung des Langsamkeit, die Sten Nadolny feierte, in Form und Inhalt noch kühn überboten:
›... steht einfach so da und bewegt sich nicht, steht minutenlang so da, was uns wie Stunden vorkommen mag, ist auch so schon eine lange Zeit, wird uns ohnehin schon zu lang, das kann ja noch lang werden, bleibt aber da stehen, wo er ist, und rührt sich nicht von dem Fleck vor der Haustüre weg ...‹
So beharrlich und gegen alles Hastige gerichtet, behandelt Seide viele Szenen oder Begriffe, die er in ihre Bestandteile auflöst. Was hier noch zum Tragen kommt, sind Erzählstrategien des französischen ›Nouveau Roman‹ und Methoden der ›Konkreten Poesie‹. – Schau unter den Teppich und du entdeckst eine ganze Welt! Das Langweilige gibt es nicht, sondern vielleicht nur unsere Oberflächlichkeit! Assoziationsketten und Aufzählungen gehören dabei mit zum Verfahren, prinzipiell keinen Weltpartikel, der das Leben prägt, unberücksichtigt zu lassen.
Lampenschirm ›geht gern nächtens, das wissen wir ja unterdessen schon, als Pflastertreter, als Asphalttreter, als Stadtgänger, Stadtbelauscher, Stadteroberer und wohl auch als Stadtbummler, aber keineswegs als Stadtbilderklärer, höchstens erklärt er sich selbst da etwas ...‹
Neben dem bewußt sperrigen Erzählton und dem sozusagen Nicht-Werde-Gang des sympathisch ziellosen Jünglings Lampenschirm, der mal da, mal dort seine Nase hineinsteckt, fängt Adam Seide dennoch viel Zeitkolorit der Adenauer Ära ein. Es ist eine schuldige, aber schon wieder aufs Behagen ausgerichtete Nachkriegswelt, die er schildert, wo die erste Pizza großes Aufsehen erregt und ein idealistischer Weltverbesserungsverein, der in einem Vorstadtlokal tagt, schon binnen kurzem in feindliche Lager zerfällt. Als Leser spürt man neblige Morgenstunden der 50er Jahre, sieht Arbeiter mit Thermoskannen und Kneipen mit fettigem, billigem Essen. Man inhaliert Mief jener Jahre und nimmt menschliche Freundlichkeiten wahr. ›...es ist nur eine Reise...‹ ist ein langes, seltsames Gedicht-in-Prosa ... ›Fortsetzung folgt.‹«